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LE MYST%C8RE DES VOIX BULGARES
18.07.2012 20%3A30%26nbsp%3BAmthof

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Gesungen ist die menschliche Stimme eindringlicher als gesprochen.
Im Bewußtsein dieser tiefen Wahrheit erheben die Bulgaren den Gesang zum Höhepunkt ihrer Künste. Sein Eigenwesen - Frucht einer tausendjährigen Geschichte von Leid und Tränen - hat seine Wurzeln in einer anderen Welt: Byzanz, und greift in noch frühere Zeiten zurück, in die dunkle antike Kultur der Traker, die im Mythos berühmt waren für ihre musikalische Begabung. Bis dorthin, wo Orpheus in die Grotte des Trigradskaflusses hinabstieg, auf der Suche nach Eurydike.

Über ein Jahrtausend lang prägen Drangsale einer blutigen Geschichte, dazu fünf Jahrhunderte ottomanische Bedrückung den Gesang der Bulgaren. Als einzige freie Äußerung des Volkes durch die Zeit hat sich diese Kunst besonders geformt, verfeinert. Aber über den unerhörten Zauber der Melodie, der Harmonie und des Rhythmus hinaus kommt noch etwas hinzu: der Klang. Die charakteristische Klangfarbe der offenen Stimmen, nonvibrato, dieser jungen Bauernmädchen. Denn nicht aus den Musikschulen, sondern aus den Bauerndörfern werden die Singstimmen für die a-cappella-Chöre, von den Chorleitern aus Sofia ausgewählt. Ihre Vorbereitung erfordert eine lange Zeit, denn diese jungen Mädchen haben meistens keine Ahnung vom Notenlesen. Ihre Stimmen gehorchen ursprünglich einem nicht temperierten System, eines der Geheimnisse ihrer Kunst.
Mit einer Staunen erregenden Leichtigkeit erklimmen und überschreiten diese Mädchen vom Lande die üblichen, von unseren Konservatorien gesetzte Vokaldisziplin. Monodisch am Anfang, dann eigenartig diaphonisch, entwickelte der bulgarische Gesang seine eigene Polyphonie, die erst im 20. Jahrhundert mit abendländischen Harmoniebegriffen zusammentraf. Und dies zu seinem Besten. Unbeeinflußt von den erniedrigenden und verschmutzenden Wirkung der Unterhaltungs- und Schlagermusik, bewahrt der bulgarische Gesang seinen ursprünglichen und ausdrucksvollen Glanz.
Anzuhören mit geschlossenen Augen.
So bietet sich dem aufmerksamen Ohr des Musikfreundes eine wunderbare Synthese dar: archaische Elemente, byzantinische Liturgie, Volkslieder, Volksepen, Klagelieder...eingeschmolzen in wahre Kleinodien. Diese Kleinodien sind harmonisch eingefaßt durch Künstler von feinstem Takt, wie Krassimir Kiurkdjiski, Philip Koutev, Gueorgui Mintchev, Christo Todorov, Anastase Naymov, Nikolai Kaufmann u.a.
Was die bulgarischen Sängerinnen bewahren, haben Sie in ihren Dörfern gelernt: die Melismen, Fiorituren, Triller sowie eine hartnäckige Vorliebe für die Sekunde als diaphonisches Intervall. Sobald sie sich zu zweit oder zu dritt zusammenfinden, singen sie solche Sekunden (große, kleine, Viertels- ja sogar Achtelssekunden, manchmal Tremolo), mit einer mathematischen Genauigkeit. Ein Naturwunder!
Eine der Stimmen hält den Grundton - wie beim Dudelsack die Bordunpfeiffe - die anderen Stimmen ranken mit ihrer Melodie um diesen Grundton, so nahe wie möglich. Manchmal haarscharf, und dann entsteht ein bissiger Atonalismus, sehr im Gegensatz zu unserem traditionellen, westlichen Harmoniesystem.

Schönheit der Perfektion! Perfektion der Schönheit!

Irgendwo zwischen diesen beiden Ausrufen müssen wir das Geheimnis der bulgarischen Stimmen suchen.


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